301 Baltistik in der
Bundesrepublik Deutschland:
Zu Aufgaben und Perspektiven
Bereits die Gliederung des Bandes offenbart die Ungleichgewichtung der einzel-
nen Teilbereiche der Baltistik. Traditionsgemäß nehmen Studien zum Litauischen
mit 17 Beiträgen den größten Raum rein, während das Altpreußische, dessen Platz
im Rahmen einer modernen Baltistik schon aufgrund der begrenzten Quellenlage
eher in der Peripherie, als im Zentrum zu suchen ist, mit 7 Beiträgen überrepräsen-
tiert scheint (davon allerdings bereits 3 Beiträge von Frederik Kortlandt), wohinge-
gen das Lettische mit 4 Beiträgen, wie üblich möchte man meinen in der deutsch-
sprachigen Baltistik, eher stiefmütterlich behandelt worden ist.
Die Liste der Beiträge zeigt, daß die Baltistik (zumindest im Verständnis des
Herausgebers) von historisch-vergleichenden Fragestellungen sowie Fragestellun-
gen zur Sprach- und Textgeschichte dominiert wird. Die Kritik an dieser Schwer-
punktsetzung kommt bezeichnenderweise von einem Nicht-Baltisten. So beklagt
Frank Heberlein in seinem Aufsatz Aufgaben einer synchronen komparativen
Baltistik die Dominanz diachron ausgerichteter Beiträge, wobei er den Begriff der
Diachronie allerdings fälschlicherweise pauschal mit sämtlichen historischen
Sprachzuständen und alten Texten in Verbindung bringt. Studien zu älteren
Sprachzuständen der baltischen Sprachen sind jedoch nicht notwendigerweise
diachron orientiert und auf philologische Fragestellungen, wie der Textgeschichte
lässt sich der Begriff der Diachronie überhaupt nicht anwenden.
Tatsache ist, dass wie Frank Heberlein schreibt die synchrone (will heißen: die
moderne C.S.) Baltistik [...] in Verzug (S.332) ist. Ein Vergleich mit anderen Fächern
(Anglistik, Romanistik etc.) zeigt, dass die sprachwissenschaftlichen Diskussionen
der letzten Jahrzehnte an der Baltistik weitgehend spurlos vorübergegangen sind.
Noch immer sind die meisten baltistischen Arbeiten der traditionellen Grammatik,
d.h. der Morphologie, der Lexikologie, der Syntax, der Phonologie verpflichtet. Die
Vielzahl der modernen sprachwissenschaftlichen Forschungsrichtungen führen, wie
es auch der Tagungsband zeigt, innerhalb der Baltistik noch immer ein Schattenda-
sein. Studien zur Psycholinguistik, Soziolinguistik, Sprachenkontaktforschung, um
nur einige zu nennen, sind bisher immer noch recht spärlich gesät
4
.
Die Baltistik ist im Vergleich zur Anglistik oder Romanistik ein kleines Fach mit
einem begrenzten Reservoir an Forschungskräften. Insofern fehlt hier (bisher) das
wissenschaftliche Potential für die Entwicklung richtungsweisender methodischer
Ansätze (man denke hier an die Prager Schule oder an Noam Chomsky). Umso
mehr ist für die Baltisten eine der dringlichsten Aufgaben die Forschungsergebnisse
anderer Einzel-Philologien zu rezipieren und deren Methoden für die baltistische
Forschung nutzbar zu machen. Und hier offenbaren sich noch erhebliche Defizite.
Der Nachholbedarf beschränkt sich nicht allein auf die Gebiete der modernen
baltistischen Linguistik sondern erstreckt sich auch auf die traditionellen Domänen
der Baltistik. So beklagt Jochen D. Range (S.156), dass das Fundament der balti-
schen Philologie bisher nie systematisch gelegt worden ist und somit wichtige
4Vgl. hierzu die dürftigen Literaturangaben
zu den Stichworten sociolingvistika und
dvikalbystë in der Lietuviø kalbos enciklope-
dija, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijø lei-
dybos institutas, 1999. Das Stichwort
Psycholinguistik findet sich überhaupt
nicht, und die Sprachenkontaktforschung
wird mit Soziolinguistik gleichgesetzt.
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